Zahnradwerk Pritzwalk GmbH

Altsystem erfolgreich abgelöst

Von Volker Vorburg

Ein Szenario, wie es das nach der sogenannten Wende in den neuen Bundesländern häufiger gab: Die Treuhandanstalt privatisierte Volkseigene Betriebe der ehemaligen DDR oder, falls die Effizienz oder Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen nicht gesichert werden konnte, legte sie still. Eine erfolgreiche Privatisierung gab es im Falle des Zahnradwerks Pritzwalk. Ein Erfolg, an dem letztlich auch die IT einen großen Anteil hat.

Unternehmensprofil

© Zahnradwerk Pritzwalk GmbH

1967 entstand im brandenburgischen Pritzwalk aufgrund eines SED-Parteitagsbeschlusses ein Zahnradwerk, das 1969 mit der Produktion startete. Der VEB Zahnradwerk Pritzwalk produzierte bis 1990 mit 1.400 Mitarbeitern vor allem Verzahnungsteile, aber daneben – wie in DDR-Betrieben üblich – auch Konsumgüter wie Vogelkäfige. Lediglich die Hälfte der Mitarbeiter arbeitete in der Produktion, die anderen erfüllten Aufgaben in verschiedenen Verwaltungsbereichen, der medizinischen Abteilung oder eigenen Kindergärten. Bei der Privatisierung 1993 übernahm man 123 Mitarbeiter.

Heute fertigt das im Familienbesitz befindliche Unternehmen mit 350 Mitarbeitern Zahnräder von etwa 100 Millimetern aufwärts bis etwa zwei Metern Durchmesser und einem Maximalgewicht von rund fünf Tonnen. Die Umsätze liegen zurzeit bei etwa 50 Mio. Euro.

IT-Landschaft nicht auf dem neuesten Stand

Bis zur Wende basierte die Informationstechnologie auf Produkten des DDR-Unternehmens Robotron. Nach der Privatisierung führte der neue Geschäftsführer das PPS-System eines kleinen Softwarehauses ein, das kurz darauf in Konkurs ging. Daraufhin erwarb man die Lizenzen, um das System selbst weiterzuentwickeln. „Damit gelang es der IT-Abteilung noch in 2008, sämtliche Funktionalitäten des Unternehmens abzubilden“, erzählt Pritzwalk-Geschäftsführer Dr. Carsten Binder. Allerdings hatte dieses System alle Nachteile eines DOS-basierenden Systems. Es arbeitete ausgesprochen langsam, dazu kam die typische DOS-Maske, keine Mausunterstützung und viele Tastatur-Kürzel.

„Wollten wir unsere täglichen Umsatzdaten abrufen, dauerte das manchmal bis zu fünf Minuten. Im Großen und Ganzen wurde zwar alles abgebildet. Aber Geschwindigkeit, Flexibilität und Durchgängigkeit ließen doch zu wünschen übrig“, erinnert sich Binder. So erfolgte gemeinsam mit der Fachhochschule Brandenburg eine Prozessanalyse im Werk, aus der man Ziele und Anforderungen ableitete. Nach einer Validierung des Marktes blieben letztlich drei ERP-Systeme für die engere Auswahl übrig. Mit einem konkretisierten Lasten- und Pflichtenheft nahm ein Kernteam aus FH, Geschäftsleitung und Keyusern aller Abteilungen diese Programme noch einmal unter die Lupe.

Entscheidung für die Zukunft

© Zahnradwerk Pritzwalk GmbH

Schließlich fiel die Entscheidung für die ERP-Lösung Microsoft Dynamics NAV. Ein Hauptargument stellte dabei die für die Mitarbeiter gewohnte Windows-Nähe dar. Überdies bildete das System auch alle geforderten Funktionalitäten ab und spezielle Geschäftsprozesse wie die Ofenprotokolle der Härterei ließen sich durch einfache Anpassungen integrieren. Spezielle Anforderungen wie unter anderem für die Qualitätssicherung decken heute Zusatzmodule des Softwarepartners COSMO CONSULT ab, der neben Implementierung und Betreuung Zusatzprogramme entwickelt, die völlig in Dynamics NAV integriert sind. „Wir fertigen viele abnahmepflichtige Produkte für die Marine- und Offshoreindustrie sowie Energietechnik und Kraftwerksbau. Da kommt es darauf an, dass man eine Verfolgung seiner Produkte auch in Vorwärtsrichtung machen kann“, erklärt Binder. So lässt sich auf Knopfdruck feststellen, welche Produkte aus einer bestimmten Charge gefertigt wurden oder aus welcher Rohmaterialcharge ein bestimmtes Zahnrad gefertigt wurde.

Weitere Anpassungen erfolgten für die Härterei. Hier wird der strikt durchgetaktete  Fertigungsprozess unterbrochen, Chargen werden gesammelt und nach technischen Parametern wie der materialbedingten Einhärttiefe zusammengestellt. Aus dem kontinuierlichen Fertigungsprozess wird ein chargierter Prozess. Der gesamte Wärmebehandlungsverlauf einschließlich der Atmosphärenzusammensetzung wird exakt vom ERP-System dokumentiert und archiviert. Zum Schluss der Härtephase bucht das System automatisch alle Daten zu den jeweiligen Fertigungsaufträgen, so dass auch dieser Prozess für jedes Teil lückenlos nachvollziehbar ist.

Partner komplettiert den Standard

Zu den von COSMO CONSULT entwickelten Modulen gehören unter anderem cc|mobile solution, cc|qualitätsmanagement und cc|lieferantenbewertung. Mit cc|mobile solution erfolgt die gesamte Warenerfassung mobil per Barcode, die erfassten Daten gelangen so direkt in Microsoft Dynamics NAV und werden dort gespeichert und verarbeitet. Die  Lieferantenbewertung beurteilt alle Lieferanten nach einem tagesgenauen Raster und stuft sie nach ihrer Liefertreue und Qualität ein. Bei der Qualität gilt die Zahl der Reklamationen als Basis. Ein workflow sorgt für das Zusammenspiel zwischen Vertrieb, Logistik und Einkauf, sodass etwa die Logistik sofort nach der Auftragsannahme den neuen Auftrag sieht. Auch die Härterei dokumentiert alle Vorgänge.

Somit entsteht eine komplette Datensammlung, die den gesamten Fertigungsprozess umfasst. In der Endkontrolle misst man die Teile noch einmal und erstellt ein Protokoll, das den jeweiligen Fertigungsaufträgen automatisch zugeordnet wird. Sämtliche Messprotokolle, die während des Auftragsdurchlaufs erzeugt werden, sind ebenfalls im System. Erst wenn alle Daten erfasst und ausgewertet sind, erfolgt eine endgültige Fertigmeldung und das Produkt kommt ins Fertigteillager. Auch die Fakturierung lässt sich genau verfolgen. Erstellt der Versand die Rechnung, erscheint der Betrag automatisch im Umsatz.

Fit für den Weltmarkt

„Insgesamt hat sich bei uns einiges geändert – und damit verbessert. Vor allem ist die gute Übersichtlichkeit von Dynamics NAV zu nennen. Die Umsätze, Fertigungsleistung und Auftragseingänge kann ich zu jedem Zeitpunkt aktuell abfragen“, nennt Binder Vorzüge des neuen Systems. „Wir sehen uns als Qualitätsführer und Hersteller mit einem sehr breiten Spektrum. Da bieten uns außer dem durchgängigen ERP-Standard die Zusatzmodule von COSMO CONSULT einen echten Mehrwert“, fährt Binder fort. Da er auch ständig mit Kunden spricht, ist er darauf angewiesen, rasch Informationen über den Produktionsstand oder Zeichnungen aus dem ERP-System zu holen.

Die verlässliche Steuerung der Fertigung und stets aktuelle Kenntnis der wirtschaftlichen Kennzahlen gibt zudem Sicherheit bei unternehmerischen Entscheidungen. Binder ist sich sicher: „Mit unserer IT sind wir allen Anforderungen des Marktes gewachsen und können höchsten Ansprüchen gerecht werden.“ Daher sind auch schon die nächsten Projekte mit COSMO CONSULT geplant.   

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