Röchling-Gruppe

Integrierte Module statt Individualprogrammierung

Von Volker Vorburg

Der individuelle Standard – ein Paradoxon? Auf jeden Fall eine Sackgasse, wenn Customizing und Standard im falschen Verhältnis zueinander stehen. Die Lösung bieten branchenspezifische Module, die sich in den Standard integrieren lassen.

Unternehmensprofil

© Röchling-Gruppe

Im Jahre 1822 beginnt die Historie der Firma Röchling mit einer Kohlenhandlung. Heute steht die Röchling-Gruppe für höchste Kompetenz in Sachen Kunststoff. Mit fortschrittlichsten Bearbeitungs- und Veredelungsverfahren und in modernsten Produktionsprozessen fertigt das Unternehmen thermo- und duroplastische Kunststoffe für jeden denkbaren Industriebereich. Zudem bietet Röchling seit 2013 nach der Anschaffung einer Anlage für selektives Lasersintern als erster Hersteller weltweit komplexeste Fertigteile im 3D-Druck-Verfahren an.

Unterteilt ist die Firmengruppe in den Geschäftsbereich Hochleistungskunststoffe mit einem Produktspektrum von Halbzeugen wie Platten, Rund-, Hohl- und Flachstäben über Profile und Formgussteile bis zu mechanisch bearbeiteten Fertigteilen. Der zweite Bereich Automobil-Kunststoffe versorgt weltweit Automobilhersteller und Systemlieferanten mit technologisch anspruchsvollen Kunststoffanwendungen. Die Gruppe ist mit 60 Standorten in 20 Ländern vertreten und erwirtschaftete in 2012 mit 7.300 Mitarbeitern einen Umsatz von 1,1 Mrd. Euro.

Mit Individualität in die Sackgasse

© Röchling-Gruppe

Seit 1998 setzt man bei der Röchling Engineering Plastics KG in Haren an der Ems die kaufmännische Unternehmenssoftware von Navision, heute Microsoft Dynamics NAV, ein. „Heute sind wir mit 340 Usern einer der größten Dynamics NAV-Anwender und haben in den vergangenen 15 Jahren viel, viel Erfahrung mit der Software gesammelt“, weiß Andreas Paschke, Head of Organisational Development.

Von den fast 800 Mitarbeitern in Haren gibt es keinen, der nicht in irgendeiner Form auf der Basis des ERP-Systems arbeitet. Selbst die Lieferanten müssen sich mit ihren LKWs beim Werkschutz im System an- und später wieder abmelden. „Mit unserer ERP-Software konnten wir mittlerweile tatsächlich das Unternehmen komplett abbilden“, berichtet Paschke. Allerdings war das nicht von Beginn an so.

Bei der Einführung der neuen Software versprach man den Mitarbeitern, sie könnten auch weiterhin mit dem neuen System so arbeiten, wie mit den bisherigen inzwischen veralteten Insellösungen. Aber schon bald merkte man, dass damit der Grundstein für eine Entwicklungssackgasse gelegt war.

Durch zu viele Anpassungen und Sonderprogrammierungen – die Mitarbeiter wollten ja so wie gewohnt arbeiten – entstand ein stark individualisiertes System, das einerseits zwar hoch produktiv war, andererseits aber nicht mehr update-fähig. Paschke verdeutlicht: „Wir hatten ein Verhältnis von 80/20, also 80 Prozent selbst programmiert und nur noch 20 Prozent Standard.“ Eine sinnvolle Weiterentwicklung war da nicht mehr möglich.

Auf ein Neues

Die Lösung hieß Reengineering: die Ablösung eines hoch individualisierten Produkts durch die neueste Standardsoftware Dynamics NAV. „Ein Projekt mit der Überschrift ‚Zurück zum Standard‘. Da ging es darum, alte Zöpfe abzuschneiden“, erinnert sich Paschke. Ein Ziel bestand vor allem darin, das Verhältnis von Anpassungen zum Standard umzukehren, also 20/ 80 statt 80/20.

So ging man 2006 daran, das gesamte Unternehmen umzukrempeln; Stammdaten, Datenstrukturen – alles wurde erneuert und mit Testdatenbanken und Probeläufen durchgespielt und abgesichert. „Aber ich darf nicht verhehlen, dass man bei so einem Projekt auch in Grenzsituationen kommt“, gibt Paschke zu, „Mit einer Fabrik unter Volllast im Hintergrund – zig tausend Tonnen pro Jahr – inklusive der erforderlichen Logistik kann ein Fehler schon fast existenzielle Züge annehmen.“ In so einer Situation zahlt es sich aus, wenn man mit einem langjährigen IT-Partner zusammenarbeitet.

Mit dem Microsoft-Partner COSMO CONSULT, einem Branchenspezialisten für die Fertigungsindustrie, projektorientierte Dienstleister sowie die Zulieferindustrie, hatte man bei Röchling seit vielen Jahren gemeinsam gute Erfahrungen gemacht. Die Berater kannten die Abläufe im Unternehmen und konnten die Keyuser, die aus allen Abteilungen stammten, so schulen, dass alle Tests korrekt abliefen und das neue System später in den Abteilungen problemlos umgesetzt wurde.

Aber Paschke weiß auch: „Wenn so ein Projekt funktionieren soll, muss man die Hälfte der Verantwortung intern übernehmen. Man darf nicht einfach sagen, hier ist euer Geld und wir möchten zum 1.1. starten.“ Er verweist darauf, dass die Berater Programmier- und Strategieprofis sind, aber den Meistern im Betrieb kaum sagen können, wie sie ihre Prozesse besser machen sollen. Hier ist Partnerschaft und Kooperation auf Augenhöhe gefragt.

Erweiterter Standard

Zwar gab es Rückschläge, so musste der Echtstart einmal verschoben werden, weil in einer Phase der Hochbeschäftigung keine Mitarbeiter zu Schulungszwecken oder gar Datenübergaben abgezogen werden konnten. Daher gab es zunächst nur einen Teilstart für den Bereich Lohn und Gehalt, der aber reibungslos funktionierte – ebenso wie die spätere Einführung von Modulen wie Auftragsfertigung, Prozessfertigung, Workflow, Qualitätsmanagement und Lieferantenbewertung sowie eines grafischen Leitstands für die Prozessfertigung. Anschaulich beschreibt Paschke die ersten Erfahrungen mit der neuen Navision-Version: „Stellen Sie sich vor, Sie haben im Auto eine zehn Jahre alte Technik und steigen auf ein High-Tech-Fahrzeug um. In der IT ist der Unterschied noch viel eklatanter. Für uns war es, als würden wir eine völlig neue Software einführen.“

So steuert jetzt das ERP-System die kompletten Logistikabläufe einschließlich der Erstellung der Warenbegleitpapiere für die Kunden. Auch die Stapler steuert Dynamics NAV über WLAN. Dieses Modul entwickelte Röchling ebenso gemeinsam mit COSMO CONSULT wie das Modul Prozessfertigung, das jetzt zum Branchenlösungsportfolio der COSMO CONSULT-Gruppe gehört. Laut Paschke ist Dynamics NAV eine ausgesprochen flexible Software, die sich leicht an die eigenen Bedürfnisse anpassen lässt, aber da liegt auch die Gefahr eines zu hohen Anteils an Eigenprogrammierungen. Darum ist er froh über die aus der Praxis entwickelten, zertifizierten und updatefähigen Branchenlösungen seines IT-Partners, die völlig in das ERP-System integriert werden. So ließ sich das angestrebte 20/80-Verhältnis bei hoher Funktionalität erreichen.

Allerdings ist das Projekt schon wieder sechs Jahre alt und daher denkt man bereits an das nächste große Upgrade. Auch diesmal will sich Paschke wieder gut zwei Jahre Zeit für die Vorbereitung lassen. Er betont, wie wichtig ein Partner ist, der über spezifische Branchenlösungen verfügt, die sich völlig in den Standard integrieren lassen: „COSMO CONSULT hat mit uns jahrelang Erfahrungen gesammelt und Module für Dynamics NAV ständig in unserem Sinn weiterentwickelt, das ist für uns unbezahlbar. So wollen wir beim kommenden Projekt ein 10/90-Verhältnis erreichen, ein realistisches Ziel.“  

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